Der Wille Gottes


Nur zweiundzwanzig Jahre lang hatte er auf der Erde gelebt. Doch nun war seine Zeit gekommen, ob es nun Schicksal oder Eigenverschulden war, darüber ließ sich streiten. Da stand er vor dem leuchtenden Himmelstor, eingebettet in schneeweiße Wolken, gefertigt aus dem reinsten Gold. Um ihn herum war es fast dunkel, einzig das Tor leuchtete wie die untergehende Sonne und tauchte seine kleine Wolke in orangefarbenes Licht.


Hinter ihm stand ein weiteres Tor, nicht aus Gold, sondern eine einfache Holztür ohne Klinke. Während das goldene Himmelstor reich mit edlen Ornamenten verziert war, bildete die unregelmäßige Maserung den einzigen Schmuck der Holztür. Sie war schlicht und unauffällig, weshalb der Mann sie zunächst gar nicht gesehen hatte und auch nun nicht weiter beachtete.


Langsam schwebte der Mann auf seiner Wolke, die ihn von der Erde ins Jenseits gebracht hatte, näher an das Tor heran. Ein gewaltiger Drache aus Bronze, der in das Tor eingearbeitet war, starrte ihn mit seinen roten Augen an. Seine diamantbesetzten Klauen hielten das Tor fest verschlossen und sollten wohl Eindringlinge abhalten. Zwischen den anderen Figuren, die um ihn herum in das kostbare Metall eingearbeitet waren, war das Reptil mit Abstand die größte.


Der Mann wollte gerade die Hand heben, um gegen das schwere Tor zu klopfen, als ihm am Rande seines Gesichtsfeldes ein kleines Mädchen auffiel. Im Gegensatz zu ihm selbst schwebte es nicht auf einer Wolke, sondern stand mit nackten Füßen auf dem Boden vor dem Himmelstor. Es trug ein langes weißes Kleid aus Leinen, das im krassen Gegensatz zu seiner dunklen Hautfarbe stand. Der Mann hatte das Gefühl, es schon einmal gesehen zu haben, doch konnte sich nicht erinnern, wo und wann. Die großen mandelförmigen Augen sahen zu ihm herauf.


Geh da nicht hinein“, sagte es mit seiner süßen Stimme. Der Mann hielt in seiner Bewegung inne.


Warum nicht?“, fragte er laut. „Ich habe mein ganzes Leben lang nur in Gottes Dienst gestanden. Jeden Tag habe ich morgens nach dem Aufstehen und abends, bevor ich mich zur Ruhe legte, zu ihm gebetet. Stets habe ich seine Gebote beachtet. Selbst mein letzter Atemzug war ihm bestimmt. Warum sollte er mir keinen Einlass gewähren?“


Das Mädchen schwieg und starrte ihn weiter mit seinen Kinderaugen an. „Geh da nicht hinein“, wiederholte es. Sein bittender Blick schien ihn durchbohren zu wollen. Nur mit Mühe wandte der Mann sich von ihm ab. „Was weiß denn schon ein kleines Kind davon“, dachte er sich und klopfte dreimal kräftig gegen das Himmelstor.


Einen Moment passierte gar nichts. Dann lief ein Zittern durch das massive Gold der Tür, ausgehend von dem Drachen, dessen Augen auf einmal lebendig wirkten. Langsam wichen die Torflügel zu Seite. Dahinter saß im Dunkeln eine kleine schwarze Katze, den Schwanz geduldig um die Vorderpfoten gelegt. Die blutroten Augen starrten den Mann listig an.


Gemächlich erhob sich das Tier und schritt auf Samtpfoten dem Mann entgegen. Der schluckte. Hätte er vielleicht doch auf das Mädchen hören sollen? Rasch verwarf er den Gedanken wieder. Dies war sicher nur eine weitere Prüfung Gottes.


Du hast um Einlass gebeten?“, fragte die Katze mit schmeichelnder Stimme. Ein lüsternes Schnurren erfüllte die ansonsten stille Luft. Sanft strich sie um seine Waden und blickte ihn erwartungsvoll an. Der Mann schluckte seine Angst hinunter. „Ja“, antwortete er.


"Du möchtest also den gleichen Weg gehen wie all jene zuvor, die den wahren Willen Gottes kennen und erfüllen?"


Ja!“ Dieses Mal schwang deutlich Stolz in der Stimme des Mannes mit. Zufrieden drehte sich die Katze wieder um. „Gut, dann folge mir.“


Zögernd schwebte der Mann durch das goldene Tor, welches sich sogleich wieder zu schließen begann. Er blickte noch einmal zurück zu dem Mädchen. Sein Blick, nun nicht mehr bittend, sondern mitleidig, hing noch immer auf ihm.


Plötzlich erinnerte sich der Mann wieder, wo er das Mädchen in seinem Leben gesehen hatte. Ein blasser Erinnerungsfetzen nur, doch er konnte sich genau an dieses Gesicht erinnern. Er hatte es schwätzend mit seiner Freundin zwischen den anderen Gören in dem Bus gesehen. Es hatte ihn große Überwindung gekostet, auf engstem Raum mit den Unwürdigen zu stehen, die sich alle in ihrer viel zu freizügigen Kleidung ihrem gotteslästernden Treiben hingaben. Ein Rätsel, wie diese Ungläubige der ewigen Verdammnis bisher entflohen war, in die er sie alle geschickt hatte. Was für ein Glück, dass er nicht auf sie gehört hatte!


Anmutig brachen zwei schillernd weiße Engelsflügel aus dem Rücken des Mädchens und kleideten es in ein himmlisches Federkleid. Mit einem letzten Blick auf ihn erhob es sich in die Luft und flog auf die Holztür zu, bevor sich die diamantenen Krallen des Drachen für immer um das Tor schlossen.





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