|
-=- Kapitel 7: Fluchtpläne -=-
Kim war so glücklich wieder mit Kuna zusammen zu sein, dass sie nicht bemerkte, als ihr Vater leise den Raum verließ. Erst als Kuna ihr sanft gegen den Arm stupste, bemerkte sie seine Abwesenheit. Was sollte das? Warum nahm er ihr Kuna erst weg und gab ihr sie dann wieder? Wollte er auf diese Weise ihr Wohlwollen wiedergewinnen? Kim konnte sich da keinen Reim drauf machen. Doch im Moment zählte nur, dass ihre Freundin wieder da war. Mit Kuna an ihrer Seite, würde sie den Wolf befreien und dann von hier verschwinden. Sie fühlte sich nun so unverletzbar. Nicht einmal der Mann im schwarzen Anzug könnte sie jetzt noch aufhalten. Was sie jetzt brauchten, war ein brauchbarer Plan. Und den Mut, ihn in die Tat umzusetzen.
Zuallererst mussten sie ihren Fluchtweg auskundschaften. Es nützte nichts, erst den Wolf zu befreien und dann ziellos durch das Gebäude zu hetzen mit einer Armee von Halsabschneidern im Nacken.Dannach mussten sie ihre anderen Pokemon wiederfinden, denn Kim hatte keinesweg vor, sie in den Klauen dieser Typen zu lassen. Erst wenn das alles erledigt war, konnten sie nach dem Wolf suchen. Oder sagte ihr Vater nicht, es sei ein Weibchen? Dann wohl eher eine Wölfin. Jetzt, wo sie wusste, was es mit dem Wesen auf sich hatte, konnte sie sich viel eher einen Reim auf alles machen. Warum es nur Fleisch aß, warum sie es nicht mit einem Pokeball fangen konnte und warum es Kuna so viel mehr verletzt hatte als eine normale Pokemon-Attacke. Offenbar kämpften Tiere nicht so oft wie Pokemon, doch wenn sie es taten, dann auf Leben und Tod. Daher brauchten sie auch keine schwachen Angriffe, die den Gegner lediglich Kampfunfähig machen sollten.
Okay, zuallererst mussten sie also einen Fluchtweg finden. "Kuna, bst du bereit?", fragte Kim mit neuer Entschlossenheit. Das Pokemon lächelte und stupste ihr zur Antwort gegen den Arm. Natürlich war sie bereit!
Das Schwierigste bei ihrem Vorhaben war auf jeden Fall, sich in dem Gebäude zu orientieren. Jeder Gang sah für Kim gleich aus und sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Sie konnte sich daran erinnern, mit einem Fahrstuhl gefahren zu sein, als man sie zu dem Mann mit dem schwarzen Anzug gebracht hatte, doch sie wusste nicht, welcher der gefühlten zehntausend Fahrstühle der richtige war. Wie konnten sich nur die Mitarbeiter in diesem Labyrinth zurechtfinden? Gab es da ein verstecktes System? Oder hatten die Mitarbeiter sowas wie einen Navi an ihren Anzügen? Kim schüttelte den Kopf. Ersteres kam ihr doch wahrscheinlicher vor, es galt nur, dieses System zu knacken. Das Unheimliche jedoch war, dass Kim nicht eine Menschenseele auf den Gängen traf. Zunächst hatte sie Angst gehabt, dass sie erwischt werden könnte, doch diese Sorgen waren unbegründet. Inzwischen wäre sie sogar froh darüber, wenn ihnen jemand über den Weg laufen würde. Sie könnte ihm folgen und so ein wenig über das Gängesystem lernen. Allein wäre sie hier sicherlich verloren.
Kim konnte nicht sagen, wie lange sie so durch die Gänge irrten (sie hatte ja immer noch keine Uhr), als sie vor einer gläsernden Tür standen, die ganz offensichtlich ins freie führte. Schön und gut, sie haben den Ausgang gefunden, doch wie sie dahin gekommen waren, konnte sie nicht sagen. Auch über Kuna schwebte ein großes Fragezeichen. "Hmm, den Ausgang hätten wir. Nur haben wir noch keine Ahnung, wie die Gänge hier ticken. Was meinst du, sollen wir lieber noch ein wenig durch die Gänge irren und gucken, ob wir durch Zufall Shadow, Fairy und die Wölfin finden, oder lieber versuchen das System zu knacken?" Das Pokemon legte nachdenklich den Kopf schief. Es dachte genau so fieberhaft nach wie sie, doch im Endeffekt würde Kim die Entscheidung fällen müssen, Kuna konnte ihr nur dabei helfen, die richtige zu fällen.
"Okay, das Rätsel werden wir knacken!", beschloss Kim und Kuna nickte ihr bekräftigend zu. Sie haben schon schwierigere Rätsel gelöst, das wäre doch gelacht, wenn sie dieses nicht auch lösen könnten. Das beste wäre natürlich, sie hätten was zu schreiben dabei, dann könnte sie sich wenigstens einen Plan zeichnen, aber in diesem Fall blieb ihnen nur ihr Gedächtnis. Sie gingen vom Ausgang aus den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, gingen allerdings in keinen einzigen Fahrstuhl. Um das Prinzip verstehen zu können, müssten sie die Gänge systematisch abklappern. Erst wenn sie ein Stockwerk vollständig abgegangen waren, würden sie in das nächste gehen. Ganz allmählich erkannte Kim ein System in den erst so verworrenen Gängen. Man brauchte sich eigentlich nur die Gänge eines einzigen Stockwerks zu merken, denn in jedem Stockwerk waren die Gänge und Räume gleich angeordnet. Im Nachhinein betrachtet war es sogar ganz offensichtlich, doch die Gänge waren so verzweigt angelegt, dass es dem unwissenden Betrachter leicht entgehen konnte.
Jetzt, wo sie das Prinzip endlich verstanden hatten, konnten sie endlich Kims restlichen Pokemon und die Wölfin suchen. Doch es gab ein Problem: Sie wussten zwar, wie die Gänge angeordnet waren, doch wo sie die Gesuchten befanden, wussten sie nicht. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als in jedem Raum nach ihnen zu suchen und zu hoffen, dass sie nicht auf jemanden trafen. Der Mann im schwarzen Anzug hatte ihr zwar nur gesagt, sie solle das Gebäude nicht verlassen, doch wenn man sie mit Kuna an ihrer Seite sah, würde das bestimmt Probleme mit sich bringen. Also sorgte Kim immer dafür, dass man Kuna nicht sehen konnte, wenn sie einen neuen Raum betrat.
Als Kim und Kuna sich schließlich das Untergeschoss vornahmen, hatten sie das Gefühl, als würde die Luft irgendwie... steril. Es roch nach Chemiekalien und Sterilisationsmitteln. Kim wurde unwohl dabei. Sie kamen jetzt wohl in die Nähe des Labors. Bei den Gedanken ihren Vater zu sehen, fühlte sie sich nicht besonders wohl. Sie wusste nicht, wie sie ihm gegenübertreten sollte. Ihre Gedanken überschlugen sich immer bei den Gedanken an ihn. Sie wusste, dass Kuna ihr in dieser Situation nicht helfen konnte. Das musste sie allein durchstehen. Andererseits freute sie sich, endlich die Wölfin wiederzusehen. Sie noch länger in der Gewalt dieser zwielichtigen Gestalten zu lassen, widerstrebte ihr zutiefst. Auch wenn ihr Plan eigentlich vorsah, zuerst Shadow und Fair zu suchen, doch wenn sie schon mal hier waren, konnten sie auch gleich die Wölfin befreien.
Am Ende des Ganges befand sich eine große Doppeltür. Hier hörte sie zum ersten Mal Stimmen. Die von ihrem Vater war nicht dabei und Kim war ziemlich erleichtert darüber. Sie sah zu Kuna hinunter. "Was denkst du, ist die Wölfin da drin?", flüsterte sie. Das Pokemon schlich sich zu der Tür und hielt witternd die Nase unter den Türschlitz. Ein paar Augenblicke passierte nichts, nur Kunas Näschen zuckte unruhig und zeigte so ihre Konzentration. Bei den ganzen Chemiekalien in der Luft war es gewiss nicht einfach, die richtige Witterung herauszufischen. Doch nach einiger Zeit schaute sie wieder zu Kim auf und nickte. Hier also hatten sie die Wölfin versteckt. Und außgerechnet in diesem Raum befanden sich Menschen. Da blieb ihnen wohl nichts anderes übrig, als das Zimmer zu stürmen. Vorsichtig legte Kim die Hand auf die Türklinke und schaute noch einmal zu Kuna, bevor sie die Tür mit einem Ruck aufstieß.
Drei Männer in langen weißen Kitteln starrten entgeistert zu ihr rüber. Einer von ihnen hielt ein Klemmbrett in seinen Armen und kaute auf einem Kugelschreiber herum. Die anderen beiden trugen Handschuhe und standen vor einem Tisch in der Raummitte. Zwischen ihnen konnte Kim Spuren von weißem Pelz entdecken. "Lasst die Wölfin frei!", forderte Kim und Kuna stellte sich knurrend vor sie, um die Aussage zu unterstreichen. Offenbar hatten die Laboranten keine eigenen Pokemon dabei, denn sie taten sofort das, was Kim gefordert hatte. Sie wunderte sich sogar ein wenig darüber, doch sie beschloss, keine Fragen zu stellen.
Sie hatte nun freie Sicht auf die Wölfin. Sie war vollkommen verkabelt und mehrere Schläuche bohrten sich in ihren zierlichen Körper. Das arme Ding. Der Mann im schwarzen Anzug würde nicht ungestraft davonkommen! Doch jetzt galt es erst, sie alle heil hier rauszubringen. "Wo sind meine Pokemon", fragte sie in Befehlston. "Das weiß ich nicht, aber ich glaube, man hat sie zu dem Boss ins Büro gebracht", erwiderte der Mann mit dem Klemmbrett ohne mit der Wimper zu zucken. Kim wurde misstrauisch. Das ging irgendwie zu leicht. Inzwischen war die Wölfin von den Schläuchen und Kabeln befreit. Sie war ein wenig benommen, trotzdem flüchtete sie schnell hinter Kim als sie sie sah. "Okay, jetzt holen wir noch Shadow und Fairy und dann nichts wie raus hier", raunte sie Kuna und zu dritt rannten sie nun in die Chefetage.
Wieder standen sie vor einer Doppeltür. Diesmal allerdings war sie aus polierten Mahagoni und nicht aus Chrom. Zum Glück wusste sie das Passwort noch, das der Typ gestern in das Zahlenfeld eingegeben hatte, so konnten sie schneller in das Büro rein und wieder abhauen, bevor hier jemand eintraf. Wenn nicht überhaupt schon jemand da war, denn bestimmt wusste schon die ganze Einrichtung, dass sie die Wölfin befreit hatte.
Die Doppeltür öffnete sich mit einem lauten Knarren und gab den Blick in den Raum dahinter frei. Der Mann im schwarzen Anzug saß in einer der beiden Polstersessel und hatte wieder diese gelangweilte Miene aufgesetzt. Ihm Gegenüber saß ihr Vater, flankiert von zwei Männern. "Ach nein ist das entzückend, dass ihr mir einen kleinen Besuch abstattet", sagte der Mann und lächelte sein gewohnt böses Lächeln. "Ich wollte nur meine Pokemon wiederhaben, wenn Sie möchten, komme ich später noch einmal zu Tee vorbei", gab Kim wütend zurück. Dieser Schwätzer, was bildete der sich eigentlich ein? "Ach ich fürchte, dann werde ich keine Zeit mehr haben", sagte er, immer noch in diesem furchtbar gelangweilten Ton. "Aber ich fürchte, dass du die Wölfin wieder mir überlassen musst, Schätzchen. Du hast doch gar keine Ahnung, welche Power in ihr steckt. Glaube mir, hier ist sie in guten Händen." Der Mann stand auf und ging ein paar Schritte auf sie zu. Kim schluckte. "Die Wölfin kommt mit mir!", sagte sie entschieden und machte einen Schritt auf den Mann zu. "Nun, das ist schade. Ich habe gehofft, wir könnten das anders regeln, aber so..." Langsam langte seine Hand an seinen Gürtel und fischte einen Pokeball hervor.
nach oben
|