-=- Kapitel 23: Unerwartete Hilfe -=-
Kim war unfähig, sich zu bewegen. Wie Zeitlupe kam es ihr vor, als Despotar seine Energie sammelte und den leuchtenden Strahl auf ihre Freundin feuerte. Kuna stand stolz da, man könnte fast meinen, dass sie lächelte. Es war, als ob sie schon länger wüsste, dass sie sterben würde. Kim begann, sich Schuldgefühle zu machen. Sie hätte wissen müssen, dass Kuna selbst mit dem Spezialtraining von Luna nicht stark genug sein würde, um Despotar zu bezwingen. Kuna hat es schon lange gewusst. Und trotzdem in den Kampf gezogen. Für sie. Nur für sie. Das Mädchen schämte sich dafür. Warum nur hatte sie nicht weitergedacht? Die letzten Tage hatte sie immer wieder nur daran gedacht, wie es wohl wäre, ihren Vater wiederzusehen und dabei Kuna völlig außen vor gelassen. Sie hatte gedacht, dass das Pokemon es schaffen würde. Dass sie sich eine Strategie ausdenken hätte sollen, daran hatte sie nicht einen Gedanken verschwendet. Tränen stiegen in ihr hoch und befeuchteten ihre Augen. Doch jetzt war es zu spät, um Reue zu zeigen. „Kuna!“
Ein weißer Schemen flog über das Gras. Kim brauchte ein wenig, um zu begreifen, dass es Luna war. Bevor sie auch nur den Mund aufmachen konnte, feuerte Despotar mit einem lauten Knall den Hyperstrahl auf seine Gegner ab. Sie sah noch ein helles Aufblitzen, bevor ein lauter Knall die Lichtung erschütterte und alles in dichtem Rauch verschwand.
Atemlos blickte Kim in das undurchdringliche Grau. Despotar sah ziemlich unsicher aus. Als sie zu Keno blickte, stellte sie überrascht fest, dass er lächelte.
„Keno, was...?“ Der Ranger schüttelte den Kopf und deutete mit der Hand zu den allmählich wieder lichter werdenden Rauchschwaden. Luna hatte sich schützend vor Kuna gestellt und atmete schwer. Sie war offensichtlich angeschlagen und nicht ganz unverletzt, doch sie lebte! Wie war das möglich? Der Hyperstrahl hätte die Zwei pulverisieren müssen!
Eine Bewegung links von Kim, ließ sie zu Keno blicken. Grinsend hielt er einen flachen, runden Gegenstand mit einem Loch in der Mitte in der Hand. Als das Mädchen genauer hinsah, erkannte sie, dass es eine TM war.
„Was...?“ Die Trainerin brachte kein Wort heraus. War es wirklich das, was sie dachte?
„Nicht nur Pokemon können lernen, wie Tiere zu kämpfen“, verkündete er immer noch grinsend und warf einen vielsagenden Blick zu der Wölfin. Hatte er Luna etwa eine Attacke beigebracht? Völlig unmöglich. Der Gedanke war so abwegig, dass Kim schon beinahe darüber lachen musste. Und doch... Wo war dann der Lichtblitz kurz vor der Explosion hergekommen? Hatte sie eine Gegenattacke eingesetzt?
Patricio sah sah alles andere als begeistert aus. Doch auch er schien sich jetzt wieder zu fassen. „Nette Idee“, meinte er herablassend, „doch das wird euch jetzt auch nicht mehr retten.“
Dummerweise musste Kim zugeben, dass der Mann im schwarzen Anzug Recht hatte. Luna war durch ihre Rettung in letzter Sekunde völlig erschöpft und entkräftet, während es um Kuna noch schlechter stand. Der Professor hatte ihr bereits zugeflüstert, dass sie wahrscheinlich eine Fraktur am Articulatio habe. Keno übersetzte es freundlicherweise für sie in eine Sprache, die sie verstand (er meinte, Kuna hätte sich die Schulter gebrochen). Dass dies nicht unbedingt die Information war, die Kim hören wollte, war eine andere Frage.
Währenddessen hatte sich Despotar nach seinem Hyperstrahl wieder gesammelt. Er schien nur noch auf den Befehl von Patricio zu warten. Luna stand kampfbereit vor Kuna, bereit, sie abermals zu verteidigen. Kim war sich jedoch sicher, dass die Zwei bei der nächsten Attacke nicht so glimpflich davonkommen würden. „Macht, dass ihr da wegkommt!“, warnte sie. Kuna sah sie mit einem traurigen Gesichtsausdruck an. Ihre Pfote hing immer noch nutzlos herab und sie schien Schwierigkeiten zu haben, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Sie würde der Attacke genauso wenig ausweichen können wie zuvor. Und Luna würde ihre Freundin nicht im Stich lassen. Wenn, dann würde sie mit ihr sterben.
Patricio war kurz davor, den nächsten Hyperstrahl zu befehlen, als ein Heulen in der Ferne ihn zum inne Halten brachte. Der Ton hallte über den Baumwipfeln hinweg, in auf und abschwellenden Tönen bis er sich in der frühen Abendluft verlor. Ein paar Sekunden lang war es still. Jeder schien den Atem anzuhalten. Dann legte Luna den Kopf in den Nacken und sandte ihrerseits ein langgezogenes Heulen aus. Nicht einmal Patricio wagte es, das Schauspiel zu unterbrechen, als beobachte er jedes winzigste Detail und jede Bewegung der Wölfin genau. Vielleicht ging es ihm ja gar nicht darum, Luna und Kuna zu töten, sondern um etwas ganz anderes? Was mochten seine wahren Absichten sein?
Langsam verebbte die Melodie der Wölfin über den im Wind singenden Baumwipfeln und es wurde wieder still. Es schien, als hätte der Wolfsgesang die Zeit zum Stillstand gebracht. Der Wald hielt den Atem an. Nicht einmal der Wind traute sich, die magische Ruhe zu stören. Das Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches, alles war still geworden um sie herum.
Wie ein fernes Echo drang die Stimme von Patricio an ihre Ohren und brachte Kim in die Realität zurück.
„Was für ein entzückendes Totenlied“, sagte er höhnisch, doch Kim wusste, dass er ebenso verzaubert von dem Lied gewesen war wie sie.
„Bring es jetzt endlich zu Ende, Despotar. Hyperst...“
Er brachte den Satz nicht zu Ende. Lautlos waren die Wölfe auf der Lichtung erschienen, wie Geister aus einer anderen Welt. Das sterbene Sonnenlicht tauchte den Wald hinter sie in mattes Zwielicht. Ein sechster Wolf trat aus dem Schatten der Bäume. Sein pechschwarzer Pelz schien alles Licht zu verschlucken. Er blickte erst zu Luna und dann zu Kim, bevor er sich wieder an Despotar wandte.
Das Wolfsrudel knurrte weder bedrohlich, noch fletschte es die Zähne, doch die Autorität, die sie ausstrahlten, ließ sogar Patricio zunächst stocken. Er starrte sie ein paar Herzschläge lang an, bevor er sich wieder fasste.
„Despotar, erledige sie! Finsteraura!“, befahl der Mann siegessicher. Dass er eindeutig in der Minderheit war, störte ihn keineswegs.
In atemberaubender Geschwindigkeit raste die Attacke auf das Rudel zu und mähte auf seinem Weg alles nieder. Die Wölfe teilten sich und rannten zur rechten und linken Flanke, um der Attacke auszuweichen. Einen von ihnen erwischte es beinahe am Hinterlauf, doch auch er konnte der Finsteraura ohne Verletzungen entkommen.
Die Wölfe rannten wild durcheinander über die Lichtung. Zumindest kam es Kim so vor, doch es schien so etwas wie eine Taktik dabei zu geben. Das Ziel war es wohl, den Feind zu verwirren. Despotar drehte sich unermüdlich im Kreis und feuerte aufs Geratewohl Attacken ab, die stets ihr Ziel verfehlten.
Als Despotar ein weiteres Mal eine Finsteraura abfeuerte, wandte sich urplötzlich ein Wolf, der zu diesem Zeitpunkt direkt hinter ihm war, zu dem Pokemon um und rannte auf es zu. Er drückte sich mit seinen Hinterläufen kräftig vom Boden ab und verbiss sich in Despotars Nacken. Das Pokemon brüllte auf vor Schmerz. Mit wild fuchtelnden Armen rannte es über die Lichtung und versuchte, den Angreifer abzuschütteln. Da es nun keine Attacke mehr einsetzte, folgten nun die anderen Wölfe und griffen Despotar ebenfalls an. Der Schwarze hatte seine daumenlangen Fänge tief in Despotars rechtem Arm geschlagen und hielt allen Abschüttelungsversuchen stand. Zwei weitere hatten sich in seine Beine verbissen.
„Schüttel sie ab, Despotar!“, befahl Patricio lauthals, „Hyperstrahl!“
Mit einem lauten Knall feuerte Despotar die Attacke ab. Der Schwarze und die beiden Wölfe an seinen Beinen wurden jaulend durch die Luft geworfen und blieben reglos im Gras liegen. Der Wolf in seinem Nacken musste loslassen, als sich Despotar blitzschnell herumwarf.
Luna heulte laut auf und rannte zu dem schwarzen Wolf. Ein oder zwei Sekunden stand sie neben ihm, bevor sie langsam die Schnauze senkte und ihn zärtlich am Fang berührte. War er etwa Lunas Gefährte gewesen? Mit einem Mal fiel Kim wieder ein, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte: Er hatte Luna bei dem Tor abgeholt, als sie in diese Welt gekommen waren. Seine bernsteinfarbenen Seelenspiegel hatten jeglichen Glanz verloren und starrten gebrochen in den flammend roten Himmel.
Noch einmal stupste Luna dem Schwarzen gegen den Fang. Sie schien nicht begreifen zu wollen und können, dass er tot war, ausgelöscht durch Despotars Hyperstrahl. Mit einem Mal wandte sie sich zu dem grünen Pokemon. Es stand noch regungslos da, doch gleich würde es sich von seinem Hyperstrahl erholt haben.
Mit einem lauten Knurren rannte Luna auf einmal los. Ihre Ruhe hatte sich in grenzenlose Wut gewandelt. Sie machte Kim beinahe Angst, wie sie zähnefletschend auf den immer noch bewegungslosen Despotar zurannte. Einer der überlebenden Wölfe wuffte ihr noch etwas zu, doch sie schien ihn nicht zu hören.
Mit einem Satz war sie über der grünen Echse. Seine Augen hatten sich vor Angst geweitet. Dann schlossen sich die spitzen Fänge der Wölfin um die Kehle des Pokemon.
Despotar gab ein ohrenbetäubenes Brüllen von sich. Es schlug wild um sich, doch Luna ließ nicht locker. „Luna, hör auf!“, schrie Kim, doch die Wölfin hörte sie nicht. Das Blut aus Despotars Kehle spritzte ihr ins Gesicht. Sie war im Blutrausch. Langsam erschlaffte der Körper des Pokemon. Als die gewaltige Echse zu Boden ging, zerrte Luna wild knurrend an dem Stück Haut, an dem sie hing. Dann machte Despotar seinen letzten Atemzug, bevor es die Lider über den gebrochenen Augen schloss.
Endlich ließ Luna von dem Pokemon ab. Ihre Schnauze war rot von seinem Blut. Sie atmete schwer. Dann senkte sie den Kopf, ging zu dem schwarzen Wolf hinüber und grub ihre Schnauze in sein Fell. Wenn Wölfe weinen könnten, wäre ihr Schluchzen wohl im ganzen Wald zu hören gewesen.
Patricio stand völlig fassungslos da. Sein Blick war auf das tote Pokemon mitten auf der Lichtung geheftet.
„Du!“, schrie er und zeigte mit seinem Zeigefinger auf Kim. Wütend funkelte sie ihn an. „Wieso ich? Sie sind mir in diese Welt gefolgt! Sie haben Pokemon erschaffen, die wie Tiere kämpfen können! Sie haben Despotar auf uns gehetzt! Also, warum sollte ausgerechnet ICH Schuld daran haben?“ Sie deutete mit tränenüberströmten Gesicht zu dem toten Pokemon, zu den toten Wölfen, zu der schwer verletzten Kuna. Warum hatte es soweit kommen müssen? Jetzt war das Pokemon und Lunas halbes Rudel tot. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, sich nicht in anderen Welten einzumischen. Woher sie das wusste, wusste sie nicht, aber sie hatte es im Gefühl.
Patricio antwortete nichts darauf, nur ihr Vater senkte beschämt den Blick. Doch darauf achtete sie nicht. Das Mädchen war zu Kuna gegangen und nahm sie in den Arm. Das Pokemon stöhnte leise, als sie sie ein wenig zu fest drückte, doch sie ließ es geschehen. „Ich bin so froh, dass du noch lebst“, flüsterte sie in Kunas Ohr und das Pokemon stupste ihr zur Antwort gegen die Nase. Kim musste lächeln. Dann sah sie zu Luna hinüber. Sie lag immer noch neben dem schwarzen Wolf und regte sich nicht. Alles um sie herum hatte sie ausgeblendet.
Auf einmal hob sie den Kopf und blickte auf eine Stelle hinter Despotar. Kim folgte ihrem Blick und erkannte über der toten Echse ein leichtes Flimmern in der Luft. Vorsichtig gingen Kuna und sie ein paar Schritte zurück, genauso wie die übrig gebliebenen Wölfe, die sich schützend um Luna gescharrt hatten.
Ein paar Sekunden lang starrten sie auf die Erscheinung. Doch dann wurde sie mit einem mal immer größer und größer, bis schließlich ein Haus hineingepasst hätte. Kims Augen hatten sich vor Angst geweitet. Dann riss der Spalt auf.