-=- Kapitel 22: Das Wiedersehen -=-

Nachdem Kuna die „Lektionen“ von der Wölfin gemeistert hatte, entspannte Kim sich ein wenig. Sie hatte nun nicht der das Gefühl, der Gefahr hilflos ins Auge sehen zu müssen. Auch wenn sie immer noch ein flaues Gefühl im Magen hatte (und das lag eher daran, dass sie ihren Vater sehen würde und nicht an dem viel zu reichhaltigen Frühstück), waren sie doch vorbereitet, wenn Patricio mit seinem Despotar kam, und das beruhigte nicht nur Kim.
Sie waren jetzt noch öfter in der Stadt als sonst. Sie hatten vor, Patricio abzufangen, bevor er mit Despotar Schaden anrichten konnte. Idealerweise fingen sie ihn ab, bevor die Bevölkerung das grüne Pokemon zu Gesicht bekam. Kuna war immer eine Ausnahme gewesen, sie hatten sie immer als gecosplayter Hund ausgeben können, doch zum einen war Despotar wesentlich auffälliger und zum anderen würde ein Kampf zwischen den Pokemon garantiert nicht als Cosplay durchgehen.
Luna wich ihnen in der Zeit nicht von der Seite. Eigentlich hätte sie in die Wälder zurückkehren können, jetzt, da sie sie gewarnt und Kuna „unterrichtet“ hatte. Doch es schien, als wolle die Wölfin ihren Freunden beistehen, wenn der Kampf ausbrach. Auch wenn sie nicht eingreifen würde, so war es doch ihr seelischer Beistand, der ihnen helfen würde. Und zum Glück war Luna nicht groß genug, um als Wolf durchzugehen. Welcher Mensch käme schon auch auf die Idee, dass ein Wolf an der Seite von Menschen in der Großstadt entlanglaufen würde? In der Hinsicht waren Menschen sehr naiv und Kim war in diesmal ganz froh darüber.
Es war ein lauer Morgen, als sich die kleine Gruppe wieder in die Stadt aufmachte. An einer Bushaltestelle stiegen sie in einen fast leeren Bus der Linie 4, der sie zum Stadtrand bringen sollte. Professor Øystein redete während der Fahrt wie immer ununterbrochen und Kim war froh, dass Keno ihr den Part des Zuhörens abnahm. Sie brauchte ein wenig Zeit für sich, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie wusste noch immer nicht, wie sie ihrem Vater gegenübertreten sollte. Ob sie es überhaupt konnte. Wenigstens würde sie gegen Patricio kämpfen müssen und nicht gegen ihn. Doch da war Kim sich gar nicht so sicher. Was, wenn Patricio ihren Vater gegen sie kämpfen ließ. Würde sie Kuna in den Kampf schicken können? Du kämpfst gegen Despotar und nicht gegen ihn, erinnerte sie sich. Egal, ob Patricio oder ihr Vater dem Pokemon Befehle geben würde, der Gegner würde immer Despotar bleiben.
Mit einem Ruck kam der Bus zum Stehen und sie stiegen aus. Von hier aus war es nicht weit bis zum Stadtrand. Sie gingen an ein paar Einfamilienhäusern und einem kleinen Supermarkt vorbei. Die Straße wurde nun allmählich kleiner. Schließlich verschwanden die Häuser rechts und links der Straße. Sie wurden von Bäumen abgelöst, die nun immer dichter standen. Die Straße war zu einem steinigen Weg geworden.
„Und jetzt?“, fragte Keno. Er blickte zuerst zu Professor Øystein und dann zu Kim. Ein Windstoß fuhr ihm durch die schwarzen Haare und ließ das Laub in den Bäumen knistern. Die Ohren von Kuna und Luna zuckten.
„Wir werden ein wenig hier entlanggehen und zusehen, dass wir diesen Patricio und sein Pokemon abfangen können, bevor sie die Stadt erreichen. Die Wölfin und das Vulnona werden uns dabei helfen“, erklärte der Professor den Plan. Kim und Keno nickten zustimmend. So oder ähnlich hatten sie sich das auch vorgestellt.

Während die Wölfin nach rechts ausschwenkte, übernahm ich die linke Seite des Weges. Meine Nase nahm gierig die Gerüche des Waldes auf. Unter all den verschiedenen Witterungen versuchte ich, die von einem anderen Pokemon herauszufiltern. Das wäre am leichtesten, da das einzige andere Pokemon in dieser Welt, abgesehen von Plaudagei, Despotar war und dieses würde sich ganz zwangsläufig in der Nähe von Patricio und dem Vater von Kim aufhalten.
Mein Blick glitt immer wieder zu der Wölfin hinüber, die ebenso wie ich die Nase mal am Boden, mal in der Luft hatte und versuchte, eine bekannte Witterung aufzunehmen. Auch ihre Ohren zuckten hin und her und achteten auf das leiseste Geräusch. Im Gegensatz zu mir allerdings kannte sie diese Welt und würde die unwichtigen Gerüche und Geräusche ignorieren, während ich immer zweimal wittern oder hören musste, um mir sicher zu sein. Dennoch war ich fest entschlossen, das Despotar zu finden. Die Wölfin sollte sich darauf verlassen können, dass ich meine Seite gründlich absuchte. Und da Kim schon zu Anfang klar gemacht hatte, dass sie leise sein sollten, konnte ich mich viel besser konzentrieren und dafür war ich meiner Freundin dankbar.
Während unserer Suche verlor ich jedes Zeitgefühl. Nur die Sonne am Himmel, die unbeirrt weiterwanderte, zeigte das Voranschreiten der Zeit. Immer wieder ließ mich das Rascheln von Laub oder ein knackender Ast zusammenzucken. Ich schämte mich ein wenig dafür, denn jedesmal spürte ich, wie sich Kims Muskeln merklich anspannten. So lange wir nun schon hier waren, so wenig kannten wir diese Welt und ich sehnte mich nach der Welt, aus der ich gekommen war, wo ich nicht bei jedem Geräusch zusammenzucken musste. Jetzt wusste ich, wie sich Luna gefühlt haben musste, als sie in unserer Welt gestrandet war. Nur war sie noch verfolgt und nicht so wie wir freundlich aufgenommen worden. Und jetzt war sie bereit, uns zu helfen.
Eine vertraute Witterung stieg mir in die Nase und ich fuhr unmerklich auf. Luna hatte dasselbe gewittert und war stehen geblieben. Ihre Rute hing steif wie ein Brett nach unten, alle Muskeln waren angespannt und die Nackenhaare merklich aufgestellt. Langsam ging ich zu ihr hinüber. Hier war die Witterung ein wenig stärker. Meine Lefzen zuckten.
„Habt ihr was gefunden?“, fragte Kim und stellte sich neben mich. Ich schmiegte meinen Kopf an ihre Hand und blickte dann zu ihr auf. Ihr Blick war in weite Ferne gerichtet. Ich stupste mit meiner Schnauze gegen ihren Handrücken und endlich sah sie zu mir herab. Sie lächelte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen.
„Gehen wir“, sagte sie.

Von jetzt an verließen wir den Weg. Die Wölfin und ich folgten der Spur durch das dichte Unterholz. Kim und die anderen konnten kaum mithalten, obwohl wir nicht allzu schnell unterwegs waren. Gerade der Professor, der normalerweise in einem Büro hockte und Versuche durchführte, tat sich in diesem Gelände schwer.
Endlich erreichten wir eine größere Waldlichtung. Der Himmel hatte sich in der Abendsonne leuchtend rot verfärbt. Eine leichte Brise lies das Gras unter meinen Pfoten tanzen. Man könnte meinen, es sei ganz friedlich hier. Doch diese Stille war trügerisch. Etwas war hier, ganz nahe. Meine Nackenhaare stellten sich auf und meine Lefzen zuckten. Aus Lunas Kehle drang ein bedrohliches Knurren.
Ich konnte spüren, wie sich Kims Körper merklich anspannte. Wären Lunas und meine Instinkte nicht gewesen, sie hätte dem Frieden auf der Lichtung wohl getraut. Doch so wusste sie, dass etwas hier war. Sie konnte zwar nur ahnen, was es war, aber wissen tat sie es auch nicht. Sie verlies sich auf uns.
Das Rascheln von Blättern am gegenüberliegenden Waldrand lenkte Kims Aufmerksamkeit von Luna und mir. Ein großes grünes Pokemon trat zwischen den Sträuchern hervor, gefolgt von zwei Männern. Der vordere trug einen schwarzen Anzug. Er lächelte.
„Wie nett von dir, uns die Wölfin zu bringen“, sagte er leise. Obwohl es fast nur ein Flüstern war, konnte ich jedes Wort verstehen. Ich stellte mich schützend vor Luna und fletschte bedrohlich die Zähne. Diesen Typ würde ich nicht einmal in Lunas Nähe lassen.
Die Wölfin stellte sich neben mich und stupste mir freundschaftlich gegen den Fang. Du brauchst mich nicht zu beschützen, schien sie zu sagen. Ihr Blick beruhigte mich und gab mir Zuversicht.
„Wie kommst du darauf, dass ich dir Luna übergeben würde!“, protestierte Kim lauthals. Im Gegensatz zu mir schien sie ihre Ruhe verloren zu haben. Ich konnte ihr Gefühlschaos in ihrem Gesicht ablesen. Hoffentlich tat sie jetzt nichts unüberlegtes.
„Sei vernünftig“, bat der andere Mann und trat einen Schritt vor. Ich konnte hören, wie Kim abfällig schnaufte.
„Nur weil du deine Freunde verrätst um deine Haut zu retten, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch tun würde“, zischte sie. Ihr lodernder Blick war auf ihren Vater geheftet und schien ihn zu durchbohren.
„So wie es aussieht, werden wir dieses Problem wohl kaum auf die sanfte Tour lösen können“, sagte Patricio sanft, „Wir können ebenso gut die harte Tour nehmen. Die Entscheidung liegt bei dir. Bin ich nicht großzügig?“ Wieder dieses arrogante Lächeln. Am liebsten hätte ich es ihm aus dem Gesicht gepustet.
„Kuna, geb einen Warnschuss ab“, bat sie. Ich ließ mich nicht lange bitten und setzte einen Busch neben Patricio mit einer Glut Attacke in Brand. Meine Augen taxierten jede seiner Bewegungen. Im Gegensatz zu Kims Vater drehte er sich nicht einmal zu dem brennenden Busch um.
„Hyperstrahl“, befahl er ruhig.
Im Gegensatz zu mir, machte das Despotar keinen Warnschuss. Es feuerte die Attacke mit voller Wucht in meine Richtung ab. Geistesgegenwärtig brachte ich mich mit einem Satz aus der Gefahrenzone, bevor mich der todbringende Strahl pulverisierte. Er traf eine mächtige Buche hinter mir. Mit einem lauten Krachen und Knacken stürzte der große Baum und begrub mit seiner weit ausladenden Krone den Waldboden unter sich.
Zähnefletschend ging ich in Kampfstellung. Meine Muskeln spannten sich, bereit, von einer Sekunde auf die andere einen weiteren Satz zur Seite zu machen, falls Despotar wieder angreifen würde. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen. Noch stand es bewegungsunfähig da, nach dem Hyperstrahl musste es sich erst wieder sammeln, doch auch sein Blick lag auf mir und folgte jedem meiner Schritte.
Unsere Blicke trafen sich. Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass Despotar ahnte, dass auch ich es verletzen könnte. Dies war kein normaler Pokemon Kampf. Es war ein Kampf um Leben und Tod.
„Knirscher“, befahl Patricio. Schneller als erwartet hatte sich Despotar wieder erholt und rannte auf mich zu. Seine bösen, roten Augen hatten mich fest im Visier. Mit einem Seitensprung würde ich nicht ausweichen können.
„Kuna, den Konfusstrahl!“, rief Kim.
Meine Augen suchten die des Gegners. Zu seinem Fehler schaute es direkt in meine. In meinen Augen blitzte es auf und im selben Augenblick wurde Despotar langsamer. Völlig desorientiert wandte es den Kopf hin und her.
„Und jetzt den Eisenschweif!“
Mit einem Sprint brachte ich mich hinter Despotar und sprang dann direkt auf es zu. Meine Schwänze begannen weiß zu leuchten. Ich holte gerade aus, als es sich zu mir umdrehte. In seinen Augen war die gleiche Mordlust wie vor meinem Kunfusstrahl.
„Power-Punch“, hallte die kalte, eisige Stimme von Patricio in meine Ohren. Wie in Zeitlupe holte das große Pokemon aus und griff mit seiner kräftigen Hand an. In letzter Sekunde hielt ich mit meinem Eisenschweif dagegen.
Verbissen hielten wir unsere Attacken aufrecht, Power-Punch gegen Eisenschweif. In Despotars Blick war Entschlossenheit, auf gar keinen Fall würde es diesen Kampf verlieren wollen. Mein Herz raste. Ich wusste, dass seine Attacke stärker war als meine, lange würde ich den Eisenschweif nicht mehr aufrecht erhalten können. Meine Kräfte schwanden allmählich, während ich all meine Energie in die Attacke steckte. Doch ich konnte nicht gewinnen, dieser Gegner war zu mächtig für mich, selbst mit meinen Fähigkeiten. Ich erkannte erst jetzt, in der direkten Konfrontation, wie stark das Pokemon wirklich war.
„Gib nicht auf!“, flehte Kim. Ihre Stimme schien von weither zu kommen. Doch sie machte mir bewusst, wofür ich kämpfte. Nein, ich durfte nicht verlieren und Luna diesen Patricio überlassen!
Ich öffnete meine Schnauze und feuerte einen riesigen Flammenwurf ab. In dem Gesicht von Despotar war kurz Überraschung zu sehen, bevor es von den Flammen eingehüllt wurde.
Kraftlos fiel ich auf das Gras. Ich atmete schwer und meine Beine drohten, unter mir wegzubrechen. Despotar stand da, sein Gesicht war über und über mit Brandblasen entstellt. Sein schmerzerfülltes Brüllen hallte über die Lichtung. Vorsichtig brachte ich ein paar Schritte zwischen mich und meinem wütenden Gegner.
Seine Augen hefteten sich wieder auf mich. Blinde Wut spiegelte sich in ihnen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Doch weglaufen könnte ich nicht, es fehlte mir die Kraft dazu.
„Noch einmal Power-Punch“, befahl Patricio. Er schien zu wissen, dass ich nicht ausweichen könnte. Brüllend kam das Pokemon auf mich zu. Mein verzweifelter Versuch, doch zur Seite auszuweichen, beeindruckte Despotar nicht im Geringsten. Mit voller Wucht ließ es seine Hand auf mich niedersausen und ich spürte einen dumpfen Schmerz an der linken Flanke.
Ich wurde hoch in die Luft geschleudert. Am anderen Ende der Lichtung schlug ich hart auf das Gras auf und blieb leblos liegen. Ein ohnmächtiger Schmerz in der linken Schulter betäubte meine Sinne. Ich konnte nur hilflos daliegen, während Despotar wieder auf mich zukam.
Ein lautes Aufheulen drang an meine Ohren. Die Wölfin stand mit hoch erhobener Rute neben Kim und blickte mir tief in die Augen. Ihr Blick sollte mir wohl Mut geben. Ich wollte ihr sagen, dass ich nicht mehr konnte, dass ich zu erschöpft war, doch nicht einmal mehr das ließen meine Kräfte zu.
Dann sah ich Kim. Ihr Gesicht war Tränenüberströmt. Ich sah, wie sie den Mund bewegte, doch ihre Worte drangen nicht bis zu mir vor. Aber sie brauchte keine Worte um mir mitzuteilen, was sie sagen wollte. Ihre Augen blickten verzweifelt zu mir.
Ich hatte das Gefühl, als würden neue Kräfte mich durchströmen. Niemand sollte es wagen, Kim so traurig zu machen! Mit neuer Zuversicht schleppte ich mich auf die Pfoten. Mein linkes Bein, wo mich die Attacke des Despotar getroffen hatte, hing nutzlos herab. Als ich versuchte, es zu belasten, durchzog mich ein unerträglicher Schmerz. Ich biss die Zähne zusammen und blickte knurrend zu dem grünen Pokemon, das in der Zwischenzeit wieder näher gekommen war.
„Warum machst du dir die Mühe?“, fragte es höhnisch.
„Weil...“ Ich keuchte. „Weil ich für jemaden kämpfe, der sich auf mich verlässt.“ Meine Augen taxierten die seinen. Etwas wie Unverständnis blitze darin auf. Es lachte lauthals. „Dann wirst du sterben.“
„Mach dem Theater ein Ende, Despotar. Hyperstrahl!“


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