-=- Kapitel 21: Ein Wolf in der Großstadt-=-
Als der Professor die kleine Gruppe am Abend wieder in sein Büro entließ, setzten sich Kim und Keno noch einmal zusammen, um die Lage zu besprechen. "Das gefällt mir nicht", flüsterte Keno und warf einen Blick zur Tür um sicher zu gehen, dass der Professor nicht vielleicht etwas im Büro vergessen hatte. Kim nickte. "Ich sehe das genauso. Das Ganze nimmt für meinen Geschmack viel zu große Ausmaße an. Nur das Labor zu zerstören würde wohl nicht besonders viel bezwecken."
"Es geht nicht nur um das Labor", warf Keno ein, "Selbst wenn wir alles Materielle zerstören würden, so würden die Pokemon weiterhin in den Köpfen der Menschen sein." Kim biss sich auf die Unterlippe. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie fühlte sich so unendlich hilflos. Unwillkürlich griff sie mit der Hand in Kunas warmes Fell. Das Pokemon zu ihren Füßen sah sie erst überrascht an, legte dann aber wieder den Kopf auf die Vorderläufe.
"Aufhalten können wir es nicht", sagte sie nach einer Weile. "Aber wir sollten zumindest verhindern, dass die Menschen dieser Welt in unsere Welt kommen. Und dafür müssen wir das Labor hier zerstören." Keno zog die Augenbrauen hoch. "Und wie willst du dir das vorstellen?", fragte er. "Das haben wir doch schon mal besprochen. Was wird dann aus uns? Wie sollen wir zurück? Und vor allem unsere Pokemon? Sie gehören hier nicht her, sie würden das Ökosystem hier total durcheinanderbringen." Kim schüttelte den Kopf. "Nein, ich meine, dass du und die Pokemon vorher nach Hause gehen und ich dann versuche, das Labor zu zerstören."
Fassungslos blickte Keno sie an. Er schien sich nicht sicher zu sein, ob sie es wirklich ernst meinte. "Kommt gar nicht in Frage", sagte er eine Spur lauter als sonst, sodass Kim unwillkürlich zusammenzuckte. "Ich lasse dich hier nicht allein zurück. Hast du außerdem eine Idee, wie du ganz allein das Labor hier zerstören willst?" Das Mädchen schüttelte den Kopf. Natürlich nicht. Der Gedanke war ihr ja eben erst gekommen. Aber irgendwas würde ihr schon einfallen.
"Lass uns lieber schlafen", schlug Keno vor und gähnte herzhaft. "Wir sollten noch eine Nacht drüber schlafen. Wenn wir morgen mal allein sind, sollten wir uns noch einmal zusammensetzen." Kim stimmte dem Vorschlag des Rangers wortlos zu. Auch sie war müde und wollte schlafen. Hoffentlich fiel ihnen nur bald eine Lösung ein!

Der nächste Tag war nicht annähernd so schön wie die vorrangegangenen. Dicke Quellwolken hingen am Himmel und gaben ihm die Farben von Beton. Das half nicht gerade, Kims Stimmung zu verbessern. Dennoch versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen, als der Professor, wie jeden Morgen, zu ihnen ins Zimmer trat. Wie die letzten Tage auch nahmen sie ein ausgiebiges Frühstück zu sich, bevor sie wieder einen Rundgang durch die Straßen machten. Dieses Mal führte der Professor sie in die Randgebiete der Stadt und Kim war froh, endlich mal wieder frisches Grün zu sehen.
Eine leichte Brise fuhr durch die Baumwipfel und lies leise die Blätter rascheln. Durch den dichten Verkehrslärm war das für Kim leider kaum zu hören, doch sie begnügte sich erst einmal nur mit dem Anblick des Waldes.
Bei einer dicht befahrenen Straße bog der Professor in eine ruhigere Seitenstraße ab und führte sie in ein Wohngebiet. Auch hier standen die Häuser dicht an dicht, doch hier hatten sie zumindest kleine Vorgärten. Kim konnte sich daran erinnern, hier entlanggelaufen zu sein, als sie die Stadt betreten hatten, doch sicher war sie sich nicht. Hier sah alles gleich aus. Diese Welt kam ihr immer noch fremd und sonderbar vor. Ihr kam ihr Vorschlag von gestern Abend wieder in den Sinn. Für immer hier bleiben? Nein, das wollte sie nicht! Es musste doch eine andere Möglichkeit geben!
Keno erzählte dem Professor gerade, wie sie in ihrer Welt die Nahrung herstellten, als ein großer, weißer Hund aus einer Seitengasse gelaufen kam. Er trug kein Halsband, wie die anderen Hunde, die sie hier gesehen hatte, und auch sein Herrchen konnte sie nirgens sehen.
Keno und der Professor unterbrachen ihr Gespräch und starrten nun ebenfalls zu den Hund. Er kam Kim irgendwie bekannt vor. Plötzlich stürmte Kuna vor, direkt auf den Hund zu. Dabei gab sie laute Freudenrufe von sich. "Kuna, was ist denn...?" Vorsichtig näherte auch sie sich dem Hund. Er begann, heftig mit der Rute zu wedeln und sah sie aus seinen grüngelben Augen an. Das war kein Hund.
"Luna...", flüsterte Kim fassungslos und ließ sich auf die Knie nieder. Das weiße Fell war ganz zerzaust und es hingen allerlei Zweige und Blätter in dem schönen Pelz. Vorsichtig las sie einige davon auf. Immer noch schwanzwedelnd begann die Wölfin, ihr die Hand zu lecken. "Wer ist das?", fragte der Professor, als er neben ihr erschien. Augenblicklich wich Luna ein paar Schritte zurück und blickte scheu auf den ihr unbekannten Menschen. "Das ist die Wölfin, von der ich Ihnen erzählt habe", erklärte Keno und erschien an Kims anderer Seite. Er hatte ein Lächeln auf seinem Gesicht.
Kim blickte wieder zu Luna. Was machte sie hier? Eigentlich sollte sie doch große Angst vor Menschen haben. Was machte sie dann in der Großstadt?
Das Mädchen hielt der Wölfin die Hand hin und vorsichtig näherte sie sich ihr wieder, die Seelenspiegel misstrauisch auf den Professor gerichtet. Als sie die Wölfin unter dem Kinn kraulte, gab sie ein zufriedenes Gurren von sich. Kim lächelte.
Nach einer Weile wandte sich Luna von ihr ab und ging auf Kuna zu. Es schien, als wolle sie dem Pokemon etwas mitteilen, denn sie machte allerhand verschiedene Geräusche und machte dabei seltsame Bewegungen. Kuna sah nicht so aus, als ob sie viel von dem verstand, was Luna da sagte. Doch plötzlich wandelte sich der Gesichtsausdruck des Feuerfuchses. Eilig kam sie zu ihr herüber.
"Was ist denn los", fragte Kim völlig verwirrt, als Kuna anfing, verstört auf sie einzurufen. Die Wölfin kam dazu und zeigte mit der Schnauze auf die feine Narbe an Kunas Flanke, die das Despotar von Patricio ihr beigebracht hatte. Sollte das etwa...?
Keno schüttelte den Kopf. "Das sieht gar nicht gut aus", murmelte er. Die Wölfin sah sie erwartungsvoll an. "Danke für die Warnung", sagte Kim zu ihr. Sie war sich sicher, dass sie sie verstehen konnte. Dann wandte sie sich ab. Ihr Vater verfolgte sie also bis in diese Welt. Wütend presste sie die Lippen aufeinander und kämpfte mit den Tränen. Warum konnten sie denn keine Ruhe geben? Sie hatten schon genug Schwierigkeiten!
Sie spürte einen leichten Zug am rechten Ärmel und wandte sich um. Luna zog zaghaft an ihrem Shirt und sah sie treu an. Dankbar strich sie der Wölfin über den Kopf. Doch wie konnte sie ihnen helfen? Wie wollte ihre Freundin keiner unnötigen Gefahr aussetzen.
Luna jaulte leise und deutete zu Kuna. Was wollte sie ihr sagen? Dass Kuna kämpfen sollte? Dass sie mit Kuna fliehen sollten?
Die Wölfin ließ ihren Ärmel los und ging zu Kuna. Ohne Vorwarnung biss sie ihr ins Bein und das Pokemon jaulte vor Schreck laut auf. "Kuna!", rief Kim entsetzt und rannte zu ihrer Freundin. Was sollte das? Warum biss Luna Kuna uns Bein?
Besorgt inspizierte sie die Wunde, doch die Wölfin hatte gar nicht fest zugebissen. Es blutete nicht einmal. Verwirrt sah sie zu Luna. Die gelbgrünen Seelenspiegel waren auf sie gerichtet. Und Kim verstand.

Dem Professor erzählten Kim und Keno nicht, was Luna mit Kuna vorhatte. Er hätte es ihnen verboten. Doch so sah er erstaunt zu, wie sich das Tier und das Pokemon bekämpften. Auf einer einsamen Waldlichtung, versteht sich. Immer wieder kamen sich die beiden näher, knurrten sich an und verbissen sich auch ineinander, und gingen dann wieder auf Abstand. Keiner wagte es, etwas zu sagen. Nicht einmal der Professor, dem sicher hunderte von Fragen auf der Zunge lagen, hielt entschlossen den Mund. Kim lächelte still in sich hinein. Es war eine gute Entscheidung gewesen, dem Professor nichts zu sagen. Noch immer vertraute sie ihm nicht hundertprozentig. Und was sie jetzt taten, würde sicher gegen sämtliche Regeln der Pokemon- und Tierwelt verstoßen. Erst jetzt war sie sich darüber im Klaren, was das bedeutete. Sie würde hiernach nie wieder mit Kuna kämpfen können. Das Risiko, ein anderes Pokemon ernsthaft zu verletzen, war einfach zu groß.
Dafür müssten wir erst einmal zurück in die Pokemon-Welt kommen, dachte Kim. Doch das war jetzt erst einmal zweitrangig. Jetzt mussten sie erst einmal die nahende Bedrohung aufhalten. Und die bestand eindeutig in Patricio mit seinem überstarken Despotar und ihrem Vater.
Wild Knurrend gingen die Beiden wieder aufeinander los. Luna hatte bedrohlich die Zähne gefletscht und auch Kuna zeigte drohend ihre Fänge. Ein unwissender Beobachter könnte meinen, die Zwei wollten sich umbringen, als Kuna sich in Lunas Flanke verbiss. Die Wölfin jaulte laut auf und das Pokemon ließ sofort los. Das schneeweiße Fell der Wölfin hatte sich an der Stelle blutrot verfärbt. Zufrieden ließ sich Luna auf die Hinterläufe nieder und leckte sich die Stelle. Kim kam eilig zu ihr und legte ihr einen Verband an. Außerdem desinfizierte sie die Wunde noch.
"Das habt ihr toll gemacht", lobte sie die beiden Kämpfer. Dem Professor konnte man das Fragezeichen über dem Kopf förmlich ansehen. Kim lächelte in sich hinein und wandte sich dann an Kuna. "Denkst du, du bist soweit?" Das Pokemon nickte selbstsicher.


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