-=- Kapitel 20: Auf schnellen Pfoten -=-
Lureyla lag am Rande des Rudelplatzes und ließ sich die Sonne auf den weißen Pelz scheinen. Kelan lag neben ihr und hatte den Kopf zärtlich auf ihre Flanke gelegt. Sie genossen es, wieder zusammen zu sein, nachdem sie so lange voneinander getrennt waren. Die Alphas hatten ihr ein paar Tage Ruhe gegönnt, damit sie sich wieder an das Rudel gewöhnen konnte. Ab Morgen würde sie ihre Stelle als Jagdführerin wieder einnehmen und die Jagd auf ein paar Hornträger organisieren, die wie jedes Jahr durch dieses Revier zogen. Tasch und Fruska beobachteten die Herde schon seit Tagen und hatten bereits ein paar altersschwache Tiere ausgemacht. Morgen würden sie losziehen und Beute für das Rudel schlagen.

Ein bekanntes Geräusch ließ die Fähe aufschrecken. Prüfend drehte sie ihre Lauscher in verschiedene Richtungen und hielt witternd die Schnauze in die Luft. Kelan sah verschlafen auf. "Was hast du?", fragte er zärtlich und stupste ihr sanft gegen den Fang. "Ich weiß nicht", erwiderte sie und stand auf. "Ich kenne dieses Geräusch..." Ihr Gefährte erhob sich ebenfalls. "Möchtest du nachsehen?", fragte er. Lureyla senkte ein wenig den Kopf. Sie wusste es ehrlich gesagt nicht. Eigentlich hatte sie sich geschworen, das Geschehene zu vergessen und sich wieder im Rudel zu intigrieren. Doch die Neugier ließ sie nicht los; sie musste wissen, was los war. "Ich werde nachsehen", entschied sie und verschwand im Unterholz. Kelan folgte ihr.

Im langsamen Trab näherten sie sich der Stelle, an der Lureyla das Geräusch gehört hatte. Das Gestrüpp glitt wirkungslos an ihrem glatten Pelz vorbei und hinterließ nur einzelne Äste oder Blätter, doch das bemerkten die Wölfe nicht. Die Fähe bemerkte sofort, dass sie genau auf die Lichtung zuhielten, auf der sie mit diesem Mädchen wieder hier aufgetaucht war. Anscheinend waren noch mehr Menschen in diese Welt gekommen. Langsam konnten sie Stimmen hören und je näher sie der Lichtung kamen, desto lauter wurden sie. Lureylas Nackenhaare stellten sich auf.

Als sie an der Lichtung ankamen, versteckte sich das Paar unauffällig hinter einem Strauch Rothodendren. Zwei ausgewachsene Menschen standen dort und ein großes grünes Tier. Lureyla knurrte leise und fletschte die Zähne. Der Mann, der sie in die andere Welt gebracht hatte und der böse Mann, der dem anderen Mann befehlte, unterhielten sich leise, doch Lureylas feinen Wolfsohren entging nichts. Was ihr leider nichts nützte, da sie die Sprache der Menschen nicht beherrschte. Doch eines war sicher: Sie führten nichts gutes im Schilde. Das große grüne Tier brüllte laut und die Wölfe zuckten innerlich zusammen. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass sie weglaufen sollten, doch Lureyla blieb wie angewurzelt stehen und Kelan blieb starr an ihrer Seite.

Die beiden Menschen unterhielten sich noch etwas und gingen dann in die andere Richtung davon. Lureyla und Kelan warteten noch einen Augenblick, bevor sie sich schließlich auf die Lichtung trauten. Neugierig schnupperten sie an der Stelle, wo eben noch die Menschen gestanden hatten. "Kanntest du die etwa?", fragte Kelan besorgt. Lureyla antwortete nicht sofort. Sie ließ sich an Ort und Stelle nieder und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Dieser Mann war ihnen also in diese Welt gefolgt. Und ganz offensichtlich war er hinter dem Mädchen her. "Ja, sie sind beide böse Männer. Und dieses große grüne Tier ist ein Wesen, dass es in der Welt da gibt. Sie lassen sich von den Menschen einfangen und Befehle erteilen. Das Grüne von eben ist böse, es griff mich und das Mädchen an, als wir hierher zurückwollten." Nachdenklich legte die Fähe den Kopf auf die Vorderpfoten. Kelan stellte sich neben sie und stupste ihr gegen den Fang. "Du willst ihr helfen, nicht?" Lureyla nickte stumm. Es war, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Dieses Mädchen hatte ihr das Leben gerettet und lag ihr am Herzen. Auch ihr Tier, welches aussah wie ein großer Fuchs, hatte sie ins Herz geschlossen. "Lass und zurück zum Rudelplatz gehen. Ich möchte die Lage gerne mit den Alphas besprechen", bat sie.

Schweigend liefen sie nebeneinander her. Worte waren nicht nötig, sie wussten, dass sie sich gleich wieder verabschieden mussten. Kelan hatte Verständnis für seine Gefährtin und Lureyla war dankbar dafür. Sie verstanden sich auch ohne Worte und das war der Grund, warum sie so lange zusammen waren. Als sie den Rudelplatz erreichten, wurden sie bereits von Faya und Oran erwartet. "Weshalb habt ihr den Platz so eilig verlassen?", fragte Faya. "Ich habe ein Geräusch gehört und bin dem nachgegangen. Als wir an an der Lichtung ankamen, konnten wir zwei Zweibeiner und eines dieser Tiere von woanders beobachten. Sie sind dem Mädchen, das mich hierher zurückgebracht hat, gefolgt", berichtete Lureyla. Oran zuckte mit den Lefzen, zeigte jedoch ansonsten keinerlei Reaktionen. Faya ließ sich besorgt auf die Hinterkeulen nieder. "Könnten sie das Rudel gefährden?", fragte sie. Lureyla setzte sich ebenfalls. "Ich weiß nicht, gut möglich, dass sie sich auf dem Rückweg wieder ein Tier aus dieser Welt mitnehmen wollen", vermutete sie. Faya warf einen besorgten Blick zu ihrem Gefährten. Die Fähe wusste, dass dies Gefahr für das Rudel bedeuten könnte. "Faya, bitte lass mich das Mädchen suchen", bat Lureyla, "Ich weiß, dass diese Männer nach dem Mädchen suchen. Ich mache mir Sorgen um sie, immerhin hat sie mir das Leben gerettet. Bitte lasst mich gehen!" Die Fähe blickte der Alpha dabei fest in die Augen und sie wusste, dass die Fähe mit sich rang. "Lureyla, du hast Pflichten hier. Morgen findet die Jagd auf die Hornträger statt, du musst das Rudel einteilen! Du kannst jetzt nicht einfach weg. Und wie willst du dem Menschenkind denn helfen?" Betrübt senkte Lureyla den Kopf. Natürlich hatte Faya Recht. Wie wollte sie dem Mädchen denn helfen? doch plötzlich kam ihr eine Idee. "Das Tier von dem Mädchen kann nicht richtig kämpfen", sagte sie schließlich, "Ich könnte ihr zeigen, wie ihre Angriffe dem grünen Tier besser zusetzen könnten!"

Faya sah sie verständnisvoll an. Ihre Seelenspiegel sprachen Bände. Oran berührte sie zustimmend an der Schnauze. "Geh nur", sagte er. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lefzen. "Ich danke euch. Ich verspreche, so schnell wie möglich wiederzukommen." Sie wandte sich noch ein letztes mal an Kelan. "Es tut mir Leid...", begann sie, doch er schüttelte nur den Kopf. "Ich verstehe dich. Komme nur unverletzt zurück, verspreche es!" Lureyla stupste ihm zärtlich gegen den Fang und blickte ihm tief in die Seelenspiegel. "Ich verspreche es", sagte sie. Er lächelte. "Pass gut auf dich auf. Überanstrenge dich nicht", sagte er noch mit einem Augenzwinkern und deutete mit der Schnauze auf ihren Bauch. "Keine Sorge", flüsterte sie und schon war sie in den Büschen verschwunden.


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