-=- Kapitel 16: Das Labor -=-
Die Gruppe folgte dem Mann durch das Villenviertel. Kim musste immer noch an das Tier denken, das das andere getötet hatte. Diese Welt kam ihr dadurch nur noch fremder vor. Vielleicht konnte ihnen der Mann ja helfen, so merkwürdig er auch aussah. Immerhin hatten sie jetzt überhaupt jemanden gefunden. Und so wie es aussah, kannte er sogar Pokemon, was ja auch schon mal nicht verkehrt war. Dann könnte er ihnen vielleciht sogar die Unterschiede zwischen ihren Welten zeigen? Kim war schon ganz aufgeregt und die Müdigkeit war wie hinweggeblasen. Auch Keno hatte wohl irgendwo noch Energiereserven gehabt. Das Mädchen grinste. Also doch kein Weichei. Das einzige Weichei war im Moment sein Plaudagei, das schnarchend auf seiner Schulter hockte. Dabei konnten Plaudagei doch gar kein Weichei?

Schon bald erreichten sie einen weniger luxuriösen Stadtteil. Hier standen überall Fabriken mit dicken Schornsteinen und grauen Dämpfen. Smog lag wie ein Teppich über dem Viertel und verdeckte den Großteil der Sterne am Nachthimmel. Nur der Mond schaffte es, einen kleinen Schimmer Mondlicht durch den Dampf scheinen zu lassen. Kim musste heftig husten. So etwas war sie einfach nicht gewohnt. Normalerweise spazierte sie in den Gebirgswäldern und nicht in dick zugesmogten Städten. Doch inmitten der von Rost zerfressenen Fabrikhallen stach ein strahlend weißes Geäude heraus. Wie es hier länger als einen Tag seine Farbe behalten konnte, war dem Mädchen schleierhaft. Doch genau auf dieses steuerte sie ihr Begleiter zu. "Was ist denn das?", fragte sie und deutete auf das Gebäude. Der Mann jedoch hob nur abwehrend die Hand. "Ich erkläre es euch, wenn wir da sind." Kim zuckte die Schultern. Seltsamer Kauz. Mal sehen, was er ihnen zu erzählen hatte.

Sie traten durch eine gläserne Drehtür mit verdunkelten Scheiben. Gleich dahinter befand sich eine kleinere Empfangshalle. Ihnen gegenüber saßen zwei Frauen mitte zwanzig hinter einen Thresen und arbeiteten mit ihren Computern. Rechts und links des Thresens ging eine metallene Absperrung bis zur Wand, die wohl vor unbefugten Eintreten schützen sollten. Nur direkt neben dem Thresen befand sich eine Lücke. Ansonsten war der Raum leer. Der Mann ging direkt auf den Thresen zu und zeigte einer der Damen seinen Ausweis. "Aber sie haben doch schon Feierabend, Professor", bemerkte diese und tippte etwas in ihren Computer. "Jaja, ich weiß. Geben Sie bitte den Kindern da einen Besucherausweis, ich bürge für sie." Neugierig spähte sie zu ihnen hinüber. Kim blickte schnell zu Boden. Die Augen der Frau wurden groß, als sie Kuna und das Plaudagei sah, sagte aber nichts dazu. Stattdessen kramte sie zwei kleine Plastikkärtchen aus einer Schublade hervor. "Okay, kommt mal her, ihr hübschen", sagte sie.

Der Mann führte sie bis zum Ende des Ganges, wo sie in einen Fahrstuhl einstiegen. Im fünften Stock stiegen sie wieder aus und bogen nach links ab. Es folgten weitere Gänge und Kim musste an die Basis des Manns im schwarzen Anzug denken. Vor einer schlichten Holztür hielten sie schließlich an und der Mann zog einen dicken Schlüsselbund hervor. Es dauerte mindestens fünf Minuten, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte. "So, hinein mit euch", sagte er und ließ ihnen den Vortritt. Es war ein größeses Büro, mit einem überladenen Schreibtisch ihnen gegenüber, einem riesigen Bücherregal, das die gesamte rechte Wand einnahm, sowie einer kleine Sitzgruppe mit einem kleinen Tischchen zu ihrer linken.
Der Mann zog seinen Mantel aus und hing ihn an einen Haken neben der Tür. "Bitte nehmt doch Platz", bot er an und deutete auf die Polstermöbel. Immer noch ein wenig verwirrt ließen sie sich in die weichen Sessel plumpsen. Kuna streckte sich und legte sich neben Kim auf den Teppich, wo sie den Kopf auf die Pfoten legte und die Augen schloss. Wenn Kuna so ruhig war, konnte von dem Mann eigentlich keine Gefahr ausgehen, da war sich Kim völlig sicher. Auf Kunas Gefühl war bisher immer Verlass gewesen.

"So...", murmelte der Mann und setzte sich in einen weiteren Sessel, "Wie seid ihr denn hergekommen, wenn ich fragen darf?" Er blickte abwechselnd zwischen Kim und Keno hin und her. Kim atmete schließlich tief durch. "Mein Vater ist Forscher und hat ein Gerät gebaut, mit dem man in diese Welt hier reisen kann", antwortete sie knapp. Der Mann nickte. "Ach so ist das also. Aber ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt, wie unhöflich von mir. Ich bin Professor Øystein Eliassen und der Leiter dieses Labors. Darf ich auch erfahren, wie ihr heißt?" Kim warf einen Seitenblick zu Keno. "Äh, ja ich bin Kim und das Pokemon hier neben mir ist Kuna", antwortete sie und strich ihrer Freundin durch das samtig weiche Fell. "Und ich bin Keno, ein Pokemon Ranger. Mein Partner ist Plaudagei", stellte er sich vor. "Sagen sie Professor... Was ist das hier für ein Labor?", fragte Kim.

"Nun, offiziell erforschen wir hier die Auswirkungen von Smog auf die Umwelt. Aber in Wirklichkeit betreiben wir hier geheime Forschungen zum Thema Pokemon. Auch wir haben ein Gerät entwickelt, mit dem man in eure Welt reisen kann. Daher wissen wir überhaupt, dass es sie gibt." Kims Kiefer klappte nach unten. Es gab wirklich ein Labor, dass ihre Welt erforschte? Warum wusste sie davon nichts? "Dieses Gerät funktioniert aber leider nicht so, wie wir uns das vorstellen", fuhr er fort, "Und daher ist es uns noch nicht gelungen, in die Pokemon-Welt zu reisen. Aber wir haben es geschafft, eine Art Fenster zu öffnen, mit dem wir in eure Welt blicken können. Das ist für uns schon einmal ein großer Fortschritt. Somit konnten wir schon haufenweise Daten über eure Welt sammeln." "Und was sind das für Daten?", hakte Kim nach. "Also, zum einen konnten wir die Unterschiede zwischen eurer und meiner Welt feststellen. Es sind noch lange nicht alle, aber wenn wir erst einmal in eure Welt reisen können, wird das Mysterium vielleicht komplett gelöst." Professor Øystein stand auf und kramte in einer seiner Schreibtischschubladen. Er fischte drei Becher und ebenso viele Teebeutel heraus.

Etwa eine Viertelstunde später schlürften sie genüsslich ihren Tee. Kuna hatte das Wasser innerhalb von Sekunden zum Kochen gebracht und so den Wasserkocher gespart. "Ich habe vorhin ein Tier gesehen, das das andere getötet hat. Warum hat es das getan?", fragte Kim schließlich. Der Professor nahm einen Schluck Tee, bevor er antwortete. "Wahrscheinlich wollte es das andere fressen", sagte er. Angewidert verzog Kim das Gesicht. "Wie es wollte das andere fressen? Das ist ja ekelig!" Ein wenig verwundert zog ihr Gegenüber die Augenbrauen hoch. "Gibt es in eurer Welt keine Carnivore?", fragte er. Carnivore? Was sollte das sein? Sie tauschte einen fragenden Blick mit Keno, doch der hatte genauso wenig Ahnung wie sie. "Was sind Carnivore?" "Oh verzeiht meine Fachmännischen Ausdrücke. Carnivore sind Fleischfressende Tiere. Sie ernähren sich von dem Fleisch anderer Tiere. Esst ihr etwa kein Fleisch?" Kim schüttelte zaghaft den Kopf. "Doch, aber man muss dafür doch keine Pokemon töten. Wir entnehmen von den Pokemon DNA und züchten daraus nur das Fleisch nach. Man muss sie doch nicht deshalb töten."

"Ach so macht ihr das also..." Der Professor lehnte sich nachdenklich nach hinten. "Aber wie ernähren sich dann die wilden Pokemon?" Kim kicherte. "Na von Beeren", sagte sie selbstverständlich. Aber woher sollte der Professor auch wissen, was für Wirkungen die vielen Beeren in ihrer Welt hatten? "Also seid ihr die einzigen Lebewesen in eurer Welt, die Fleisch essen?", hakte er nach. Die Zwei nickten. "Das ist wirklich interessant", murmelte er, "Ich werde das morgen einmal untersuchen. Aber ich hätte eine Bitte an euch..." Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz und er begann zu lächeln. "Ich habe noch nie ein echtes Pokemon so gesehen, außer vielleicht die zwei Exemplare vor mir. Habt ihr noch andere dabei?" Ein wenig verdattert griff Kim zu den Pokebällen an ihrem Gürtel. "Ja, ich hab noch welche..." Nacheinander entließ sie erst Fairy, Shadow und zum Schluss noch das Pikachu von ihrem Vater aus den Pokebällen. Die blickten sich erst einmal verwirrt in dem kleinen Zimmer um. "Fabelhaft, was für schöne Geschöpfe!!", rief er.

"Sagt mal, habt ihr eigentlich eine Unterkunft für die Nacht?", fragte er nach einer Weile. Kim und Keno schüttelten beide den Kopf. "Nun gut, mal schauen, was ich für euch tun kann. Vielleicht haben wir ja irgendwo noch Matratzen rumliegen?" Der Professor ging zu seinem Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer. "Hallo Frau Eidsheim, wir bräuchten hier oben Matratzen und Bettzeug. Haben wir sowas noch hier rumliegen?"
Eine halbe Stunde später hatten sich die Zwei in ihe Bettdecken eingekuschelt. Kuna hatte sich wie immer neben Kim zusammengerollt und auch der Rest der Pokemon hatte es sich irgendwo bequem gemacht. "So, ich gehe dann auch mal nach Hause. Morgen werden wir ein wenig weiterquasseln, oder?" Mit einem Lächeln im Gesicht entschwand er aus der Tür. Kim lag noch lange wach und dachte über den Professor nach. Mal sehen, was sie morgen über diese sonderbare Welt erfahren würden...


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