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-=- Kapitel 14: Eine andere Welt -=-
Es fühlte sich an, als würde Kim durch eine Wand aus kalten Wasser gehen. Sie hatte Mühe, Luna auf den Armen zu halten, denn die Wölfin sträubte sich sichtlich, durch das Tor zu gehen. Als sie es endlich geschafft hatte, schlug sie der Länge nach auf weichen Waldboden auf. Luna sprang ihr dabei aus den Armen und landete leichtfüßig auf ihren vier Pfoten. Ein wenig benommen hielt sich Kim die Hände an den schmerzenden Kopf. Die Luft war hier irgendwie anders. Auch die Bäume ringsherum konnte Kim nicht eindeutig einordnen. Waren sie wirklich in einer anderen Welt? Das Mädchen mochte das nicht so wirklich glauben. Sie hatte sich gerade aufgerappelt, als sie etwas schweres von hinten wieder nach unten drückte. "Tach auch" ertönte Kenos Stimme. Ein lautes "-Nona!" bestätigte Kim auch Kunas Anwesenheit. "Was macht ihr hier!", protestierte sie und musste husten. Keno lag immer noch auf ihr und presst ihr die Luft aus den Lungen. "Nun ja", grinste Keno und ging endlich von ihrem Rücken, "Wenn ich die Wahl zwischen einem großen Abenteuer und einem wild gewordenen Despotar habe, fällt einem die Wahl nicht besonders schwer." Immer noch grinsend hielt er Kim die Hand hin. Hinter ihm schwebte eine kreisrunde Metallplatte, die dem Spiegel von vorhin ähnlich sah. Doch jetzt begann sie zu flackern und löste sich innerhalb von Sekunden in Luft auf. "Hat einer von euch eine Idee, wie wir jetzt wieder zurückkommen?", fragte Kim und ließ sich von Keno hochhelfen. "Ach, das kriegen wir schon wieder hin. Das hier soll ich dir übrigens von deinem Vater geben..." Der Ranger griff nach einem Pokeball an seinem Gürtel, "Er sagte, dass er es von dem Mann im schwarzen Anzug fernhalten wollte." Mit Tränen in den Augen nahm Kim den Pokeball entgegen. Das war der Pokeball von seinem Pikachu.
Das erste was sie taten, war Kunas Verletzungen zu behandeln. Da es zum Glück nur eine Pokemon-Attacke gewesen war (wenn auch viel stärker als sonst), halfen die üblichen Tränke, um Kuna wieder auf die Beine zu bringen. Nur gegen die Wunde waren sie machtlos und so verbanden
sie sie erst einmal. Vielleicht gab es ja auch hier Schwestern, die sich dann um die Verletzung kümmern würden. Im Moment konnten sie nicht mehr für Kuna tun und das Pokemon biss tapfer die Zähne zusammen. "So, wo sollen wir jetzt hingehen? Das erste Ziel jetzt ist ja wohl, Luna dahin zu bringen, wo sie herkommt, oder?" Keno nickte zustimmend. Das war ja auch schließlich der Grund, warum sie in diese Welt gegangen waren. "Lass die Wölfin vorgehen, sie weiß am besten, wo sie lang gehen muss", schlug er vor. Nach kurzem Überlegen stimme Kim dem Vorschlag zu. Luna kannte sich in dieser Welt am besten aus und würde sicher schon fast allein nach Hause finden.
"Was denkst du, leben Wölfe in Rudeln oder alleine?", fragte Kim an Keno gewandt. Vielleicht wusste er ja als Natur-Experte mehr als sie? "Ich denke, dass Wölfe in Rudeln jagen", sagte er nach einer Weile, "Allein schon die Tatsache, dass Luna sich dir angeschlossen hat obwohl sie dich gar nicht richtig kannte, zeugt von einem regen Sozialverhalten. Sie war allein und suchte Gesellschaft." Kim nickte. Diese Erklärung klang für sie recht plausibel. Aber wer weiß, diese Welt war so anders, dass vielleicht noch die eine oder andere Überraschung auf sie wartete. Neugierig schaute sie auf die Bäume ringsherum. Sie sahen eigentlich genauso aus wie zuhause, nur dass sie solche Arten noch nie gesehen hatte. Verrückt, wie sehr sich ihre Welten doch ähnelten.
Ihre Gedanken wurden jäh von einem lauten Heulen unterbrochen. Luna hatte den Kopf in den Nacken gelegt und ließ ein langgezogenes Heulen aus ihrer Kehle erklingen. "Verständigen sich Hundemon nicht genau so?", fragte Kim neugierig. Keno nickte nur und starrte weiter auf das Schauspiel. Luna hatte mittlerweile aufgehört und sich auf die Hinterpfoten niedergelassen. Sie starrte in den Wald und schien auf irgendetwas zu warten. Die beiden Menschen hielten den Atem an. Was wohl gleich passieren würde? Würden tatsächlich noch andere Wölfe kommen? Oder würden sie beim Anblick der Menschen sofort wieder verschwinden?
Plötzlich raschelte es im Gebüsch links von ihnen. Ein stolz wirkender Wolf mit erhobener Rute trat auf die Lichtung und bedachte den Menschen keines Blickes. Mir eleganten Bewegungen schritt er auf Luna zu und blieb ein paar Schritte vor ihr stehen. Die wedelte mit den Schwanz und schien sich über den anderen Wolf zu freuen. Ganz langsam kam dieser näher und schnupperte an Lunas Hinterteil. Kim zog verwundert sie Augenbrauen hoch, wagte es aber nicht, Keno eine Frage zu stellen, aus Angst der Wolf würde dann wieder verschwinden. Plötzlich begann seine Rute ebenfalls zu wedeln und stieß ein leises Wuffen aus. Offenbar kannten sich die beiden. "Damit hätten wir ein Problem weniger", flüsterte Kim an Keno gewandt. Dieser grinste mal wieder und nickte.
Der andere Wolf rannte auf einmal los und verschwand im Unterholz. Was sollte das denn? Doch ehe sich Kim darüber fragen konnte, warf Luna ihr einen dankbaren Blick zu, bevor sie ihm nachrannte. Kim blieb wie betäubt zurück. Was war da los? Irgendwie ging das alles zu schnell. Doch langsam klickte es bei ihr. Luna hatte sie verlassen. Langsam ließ sich Kim auf den Waldboden sinken und schaute ihrer Freundin traurig nach. Sicher, sie hatte ihren Freund wiedergefunden, doch sie war trotzdem traurig, dass alles so schnell vorbei gewesen war. Sie hätte sich gern von der Wölfin verabschiedet. Ein Nasenstupser von Kuna konnte sie jedoch wieder ein wenig aufmuntern. Sie beschloss, Lunas dankbaren Blick für immer in ihrem Gedächtnis festzuhalten. Für immer.
Es war Keno, der sie nach einer Viertelstunde vorsichtig an der Schulter rüttelte. "Komm, wir müssen einen Weg zurück finden", sagte er leise. Kim presste die Lippen aufeinander und nickte. Sie war jetzt nicht in der Lage zu reden. Wahrscheinlich würde sie dann einen Weinkrampf kriegen. Das schien Keno auch aufgefallen zu sein, denn er griff nach ihren Handgelenk und zog sie hoch. "Freu dich, sie ist jetzt endlich wieder zu Hause", sagte er und blickte in die Richtung, in die Luna vorhin gelaufen war. Kim wischte sich unauffällig über die Augen. "Ja, du hast Recht", sagte sie mit rauher Stimme. "Lass uns gehen." Sie warf noch einen letzten Blick in den Wald, bevor sie sich in die andere Richtung aufmachten.
Sie gingen einfach immer geradeaus. Kuna konnte wegen ihrer Verletzung nicht so schnell laufen und so kamen sie nur langsam voran. Doch zum Glück schien es nicht weit bis zu einer größeren Stadt zu sein, denn Kim konnte den Lärm von Autos hören. Sie wunderte sich ein bisschen darüber. In ihrer Welt wurden Autos kaum genutzt, da viele mit ihren Pokemon irgendwohin reisten. Doch hier schien das nicht die Norm zu sein, denn es mussten tausende von Autos sein, die dort auf den Straßen fuhren. Das musste doch unmengen von Abgasen produzieren! Daher war die Luft hier wohl auch ganz anders. "Wir sollten etwas zu Essen auftreiben", meinte Keno schließlich. Kim nickte nur. Im Moment war ihr alles Recht, ganz allmählich machte sich auch Müdigkeit in ihr breit. Hoffentlich fanden sie bald einen Platz zum schlafen.
Ein paar Minuten später erreichten sie ein viel befahrene Straße, die mitten durch den Wald führte. Kim war froh darüber, vielleicht führte sie sie ja zu einer Stadt? Dort würden sie bestimmt Hilfe bekommen. Sie redeten während des Gehens nicht viel, Keno war genauso müde wie Kim und sie wollten sich ihre Kräfte aufsparen. Zumindest Plaudagei konnte auf Kenos Schulter ein wenig schlafen, doch Kuna verlor aufgrund ihrer Verletzung fiel schneller Kraft als die anderen. Immer öfter mussten sie anhalten, damit das Pokemon sich kurz erholen konnte. Dabei rauschten Autos in allen Farben und Formen an ihnen vorbei und verschluckten jedes Wort, wenn denn eines gesprochen wurde. Diese Welt war ihnen einfach schlicht und ergreifend fremd. Alles war anders als zu Hause. Wenn nicht Kuna bei ihr wäre, würde sie den Verstand verlieren. Diese Straße schien endlos, genau wie dieser Wald. Ein Ziel war noch nicht in Sicht.
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